Das Prinzip der Dezentralen Macht

8 Apr

Keine übergeordnete Machtstruktur darf mehr Macht haben als das schwächste Drittel der untergeordneten Machtstrukturen.
 Hierbei reden wir von militärischer, medialer und wirtschaftlicher Macht.

Dieses Prinzip sagt im Kern, dass ein Drittel der Mitglieder irgendeines sozialen Gebildes immer in der Lage sein müssen, die Macht des sozialen Gebildes an sich zu brechen. Ist dies nicht der Fall, steht der Diktatur nichts im Wege. Denn es ist unrealistisch, dass jemals bei Protesten gegen ein Machtgefüge mehr als Drittel der Bevölkerung aktiv wird.

Ob man dieses Prinzip durch Bewaffnung und Stärkung von Bürgern oder durch Abbau des Machtmonopols bewirkt, spielt keine sehr große Rolle. Wichtig ist lediglich, dass man zu keinem Zeitpunkt zulässt, dass dieses Prinzip verletzt wird. Sobald das nämlich geschieht, können diejenigen, die an der Macht sind, ihre Untergebenen nach Belieben kontrollieren. Es muss daher die Pflicht aller sein, schon bei den geringsten Bestrebungen, gegen dieses Prinzip zu handeln, sofort politisch aktiv zu werden.

Konkret heißt dies etwa, dass kein Staat in einem Jahr mehr Geld einnehmen darf oder ausgeben darf, als  das finanzschwächste Drittel seiner Bürger zusammen. Kein Staat darf ein Militär unterhalten, das in der Lage wäre, rein militärisch ein Drittel der Bevölkerung zu besiegen. Keine Stadt darf eine Polizei haben, die in der Lage wäre, die Ordnung herzustellen, wenn ein Drittel der Bewohner aufrührerisch wird, usw.

Zwar erscheint vielleicht dieses Prinzip angesichts der heutigen Situation als belanglos. Denn die Militärs, Polizisten etc. sind auch Einwohner und unterliegen ihrem Gewissen, etc. Aber man darf dabei nicht vergessen, dass durch den technologischen Fortschritt ein einziger hochgerüsteter Ordnungshüter immer mehr Bürger kontrollieren kann. Es muss verhindert werden, dass der Staat jemals eine Macht erlangt, der die Bürger sich nicht mehr widersetzen können. Dies kann entweder durch eine sehr starke Kontrolle des Militärs, der Geheimdienste und der Polizei erreicht werden, oder aber durch die entsprechende Bewaffnung der Bevölkerung, damit sie dem Staat gegenüber in Massen wehrhaft bleiben kann.

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Die Welt als Karikatur des Menschen

3 Apr

Unsere Zeit ist gewissermaßen die Lustigste von allen. Denn in unserer Zeit werden mit einer geradezu mechanischer Gewalt Menschen zu Gedanken gedrängt, die früher selbst unter Weisen als Geheim galten und nur verpackt in tausend Schichten von Worten und Bildern ausgesprochen wurden. So viele Menschen haben gelernt, sich in Metaphern zu finden, die früher den Menschen als seltsames Latein vorkamen, die aber gleichwohl alt sind. Uralt. Heute kann man bisweilen von Leuten, die nie groß nachgedacht haben, zwischen Tür und Angel Sätze hören, bei denen vor Hunderten von Jahren Weisen das Herz in einer wilden Mischung aus Verwunderung und Begeisterung aufgegangen wäre. 

Unsicherheiten, denen nur die größten Gewachsen waren, lernen jetzt Kinder. Und sie knallen Wahrheiten auf den Tisch, die hinreichend gewesen wären, dass Generationen von Gelehrten daran zugrundegehen. Und das tun nichts ahnend von der Schwere, die diesen Wahrheiten anheftet… 

Unsere Zeit ist die lebhafte Vorführung der wildesten Träume früherer Weisen. Die Menschen Leben das Undenkbare. Und sie Sprechen auf wunderbare Weise. Sie lesen, sie informieren sich. Sie wissen so viel. Und finden so viele Arten sich zu all dem, was auf sie zuströmt, umzugehen. Alles Arten, die auf ihre jeweilige Weise natürlich sind, und dennoch erst in ihrer disharmonischen Vielfalt die wirkliche Größe erlangen. Etwas biblischer formuliert könnte man auch sagen: wir sind die Legionen. Jeder einzelne, der seine Stimme gefunden hat, stimmt mit ihr in diesen gewaltigen umkoordinierten Chor dessen, was gelebt wird, was möglich ist. 

Der Zauber der japanischen Kunst ist bisweilen, dass sie Bilder finden, die mit einer unvordenklicher Gewalt und Einfachheit Gefühle einprägen, für die Worte zu finden unendlich kompliziert wäre… eine Mischung des Banalen mit dem Bedeutungsschwangeren. Gewissermaßen, ein Spiegel. Ich stelle mir einen japanischen Film vor, in dem der Held — keine Ahnung ob ein Kind, das geboren wurde um Roboter in den Kampf gegen Engel zu führen oder irgendein Kommissar, der von Computern geupgradet wurde — in dem also der Held mit seinen Freunden tanzt, und diese dabei einzeln platzen wie Luftballons und er immer tiefer in den Monolog dessen gerät, der alleine ist. Und am Ende platz er auch – denn seine Einsamkeit, seine Verlassenheit ist genauso nur ein leerer Luftballon ohne wirklichen Halt, sei die emotionale Realität dabei noch so groß. Ich weiß nicht, ob es diesen Film gibt, vielleicht habe ich ihn irgendwann gesehen. Vielleicht habe ich ihn in irgendeiner anderen Version gesehen, in der Puppen platzen, unter Kugeln irgendeines Maschinengewehrs. 

Überhaupt: wie tief uns Puppen berühren. Und wie flach unsere eigene Wahrnehmung von diesen Puppen und selbst von der Tiefe der Berührung ist. Denn die Tiefen werden durch die Evidenz, durch die Sichtbarkeit, dadurch, dass wir Zeugen werden, wie sie erlebt werden, immer flacher. Allgegenwärtig. Und je nach dem, ob man ein riesiger Optimist, ein Pessimist oder einfach ein verrückter Poet ist,  kann man erzählen: wir lernen das Schwimmen, das Ozean trocknet aus, oder wir werden langsam als Masse endlich ein Mensch – der Schwarm denkt. Und wir, als Menschen, sind nur noch Randnotizen… unsere tiefe emotionale Rührung kommt aus Zeiten, in denen es noch um die Entdeckung des Menschen ging. Jetzt ist er fast überholt, könnte einer sagen, und es gerade mit der Dissonanz zwischen der erlebten Tiefe und der Seichtheit des Denkens gleichzeitig begründen. Und ja… so absurd auch dieser Gedanke wäre, es hat schon etwas zu sagen, dass wir langsam persönliches Lebensinteresse an Börsenkurven entwickeln, an Wachstum, an Arbeitslosigkeitszahlen – auch wenn sie uns persönlich nicht weiter betreffen. Ein durch die Gesellschaft als Ganzes hervorgerufenes und überhaupt gespeistes Lebensgefühl. Aber das ist nicht weiter ernst – darum geht es auch nicht wirklich.

Irgendwann war eine körperliche Berührung für jeden seine eigene große Bestimmung und Entdeckung. Es ist ja nicht so, dass es jemals Zeiten gegeben habe (davon bin ich überzeugt) in denen es ein echtes Geheimnis war. Aber es hatte immer etwas Sakral-Persönliches. Entweder es verpuffte dann, ohne dass dabei groß etwas rauskam, oder aber die Menschen verfolgten die körperliche Schiene sich dabei in Weisen entdeckend, die nicht als trivial galten: schon deshalb, weil man darüber nicht sprach. Heute sind wir abgeklärt. Man hat Hunderte von Gesichter gesehen, man kennt alles. Alles hat einen Namen… wir erleben mit Sicherheit Phantastisches mit unserem Körper, sowohl sexuell als auch in allerlei anderen Hinsicht. Wir können uns schon professionell entspannen, wie die Yogi, wir können so raffiniert kochen, dass unser Sinne dabei frohlocken, als wären sie wahnsinnig. Wir keltern, wir brauen, wir brennen Getränke, die früher nicht einmal Könige hatten. Und wir können sie auch genießen und unser Körper springt auch auf alles an und unsere Sinne sind tief mit “uns” verbunden. Und dennoch bleiben die Erlebnisse im Grunde nichts Besonderes. Sie kommen von der Stange. Es ist nicht so, dass ich mir einbilden könnte, ich könnte im Bett irgendeiner Frau irgendwas geben, was ihr nicht irgendein anderer, bei halbwegs normaler Bildung ebenfalls geben könnte. Die Momente der körperlichen Nähe drohen, einfach Ausführungsübungen von Ritualen zu werden, die wir von wo auch immer kennen – – – eigentlich tiefe Empfindungen unendlich flach präsentiert. 

Dieser Text klingt so, als wäre ich ein Priester, ein Reaktionär, einer, der Anstoß an all dem nimmt und “eigentlich” dafür wäre, in die Vergangenheit zurückzukehren. Dabei beobachte ich bloß, dass unsere Zeit lustig ist. Eine Zeit, in der der Mensch alles von der Stange nehmen kann. Es gibt wahrscheinlich sehr wenig, das inzwischen nicht im Prinzip für jeden verdaulich präsentiert wird. Ich kannte einen Mann, der sein Leben damit verbracht hat, die Geheimnisse der Dichtung von Hölderlin zu entdecken. Und er erzählte sie wohlfeil Studenten, von denen einige einiges durchaus begriffen haben, andere weniger vielleicht – aber sicherlich konnten alle von ihnen nachher auf eine bestimmte Weise reden. Geheimnisse, die nachher keine mehr sind. Aufgeschrieben, erklärt: Hölderlin für Dummies. Oder ein Spitzenkoch, der seine Rezepte verkauft. Geheimnisse, die keine mehr sind. Eine maximale Entzauberung, und zugleich die Möglichkeit, an jeder Ecke ein “Geheimnis” zu entdecken. Früher war es nur jenem erlaubt, zu entdecken, der sich losgesagt hat von den Fesseln des Gewöhnlichen. Heute wird mit der Möglichkeit zu entdecken, Werbung gemacht: für Reisen, für Abenteuer (betreut und umbetreut, aber dann mit Rechtsbelehrung), für Unis, für Bücher – für alles.

Wir leben in jener Zeit, in der in einer seltsamen, ja teilweise grotesken Form, alles sichtbar geworden ist. Man braucht keine weitere Eschatologie – wir sind da: es fehlen höchstens noch Details – irgendwann müssen wir uns nur überzeugen, dass wir in einer Computersimulation weiterleben, und wir sind schon beim ewigen Leben. Und vielleicht ist das gut. Vielleicht ist diese Zeit dazu geeignet wirklich große und neue Erkenntnisse zu finden, und uns als Menschheit wer weiß schon wohin zu katapultieren.

Ich aber glaube, dass wir keine wirklich neuen Erkenntnisse finden. Ein Sufi, der einem Gott singt, an den er nicht glaubt, der ist genau da wo Buber je gewesen ist, aber er hat es so nie sagen können und wollen – – – und ich werde das Gefühl nicht los, dass einige der Sufis viel weiter waren. Es gibt Geheimnisse ohne Ende in den Mythologien, die wir heutzutage neu entdecken – – – ja, mehr noch: wir lernen sogar mit wissenschaftlichen Methoden zu verstehen, dass das was wir aus den Mythologien zu verstehen glauben, in jener Form gar nicht erst da war, dass das alles eigentlich viel banaler war, bedingt durch wirtschaftliche und institutionelle Entwicklungen und überhaupt… aus irgendeinem Grund entwickelt unsere Zeit eine seltsame Arroganz dem Denken der Alten gegenüber. Ein Versuch zu trivialisieren. Und mag sein, dass man dabei recht hat – aber mir gefällt die Idee einer gewissen Demut der Vergangenheit gegenüber. Und wenn ich einen Platon auch lese, dann kann ich nicht umhin zu denken, dass er vieles gut verpackt hat, und nicht bloß, dass er Geschichten erfunden hat, die sich immer wieder in der jeweiligen Zeit (mehr oder weniger zufällig) uminterpretieren lassen, so dass sie einen immer akut ansprechen… aber vielleicht irre ich mich auch einfach, und Platons Denken ist die Zufälligkeit der Uminterpretierbarkeit seiner Geschichten. Und wer weiß, vielleicht ist mein Denken ja auch nichts anderes als eine halbwegs kunstvolle Zusammenführung der Polyphonie unserer Zeit, nur mit einem etwas altertümlichen Vokabular.

Und dennoch:  ich denke nicht die Welt, wie ich sie vor mir sehe, ich beobachte sie nicht… ich gehe durch das Mögliche und erlebe wirklich im Vorbeigehen und dennoch mit der maximalen Intensität dessen, dass ich ja nichts anderes bin, als eben jene Gedanken, die gerade sind… auch wenn ich wohl weiß, dass andere folgen werden. Und ich wundere mich immer wieder aufs neue, wenn ich feststelle, dass es Menschen gibt, die das, was ich bloß denke, verkörpern. Es ist traurig… Natürlich verkörpern sie das nicht wirklich. Aber es gibt etwas Groteskes in der Annäherung… in der Ähnlichkeit der Diskurse. Dass jemand, das was ich dahinsage, ernst meint. Dass jemand stehen bleibt, ohne den offenkundigen Widerspruch in dem zu sehen oder sich daran zu stören, was er sagt… und nicht als hätte ich vielleicht das gleiche nicht ebenfalls gesagt, oder sagen können, aber mir scheint es unmöglich, das nicht im Handumdrehen zu negieren in einem Versuch, den Widerspruch zu beseitigen (auch wenn ich dadurch ja auch nur zu neuen Widersprüchen komme)  – – – Menschen, die das Unhaltbare leben. In mir sind es bloß Stimmen. Dämonen nenne ich sie. Und finde sie dann in der realen Welt, ohne dass es sich um Wahnsinnige handeln würde. Es sind reale Menschen… und wie traurig es einerseits ist, so beschleicht mich manchmal das Gefühl, dass diese Welt vielleicht wirklich nur eine Vorstellung ist, und dass ich diese Menschen nur deshalb wahrnehme, weil ich die entsprechenden Dämonen kennengelernt habe. Eine Welt umgibt mich, weil ich sie gedacht habe, in dieser unendlichen undurchsichten Komplexität entspricht sie durchaus meinem Denken – – – so viele Arten sie zu begreifen, so viele Theorien, und sie sind irgendwie alle falsch. So viele Lebensmodelle, und sie sind irgendwie alle wie diese Freunde in dem japanischen Film, den ich mir vorgestellt habe: sie platzen einfach, wenn ich sie berühre.

Und dennoch: Menschen kann man berühren. Man kann sie bewegen. Man kann sie zum Zweifeln bringen. Man kann anfangen ihre Sprache zu sprechen… man kann anfangen, ihre Gefühle aufzusagen, als wären sie Gedichte, und sie hängen dann einem an den Lippen, als wäre man ein Dichter… man kann ihnen auch etwas Neues geben, wenn man meint, es wäre gut für sie – – – wenngleich ich selber nicht weiß, wie man sowas denken kann, einen Dämon durch den anderen zu ersetzen ist doch nichts – – – Menschen sind nicht wirklich jene Karikaturen, zu der sie in der Welt zu werden scheinen. Denn der Schmerz, den sie empfinden, ist real. Und ihre Freude, sei sie noch so vergänglich, auch. Bisweilen stehe ich am Bahnhof, und sehe, wie die, die sich in die Arme fallen, strahlen… Frauen, die ein Bein anheben, wenn sie den Mann küssen – – – Männer, die ihre Hüften umfassen und einfach glücklich sind… Das sind reale Gefühle, und ich bin mir sicher, die Gefühle selbst, die gab es schon immer – – – und die Frage war nur, welche wir zu entdecken bereit und fähig waren und sind. Und der Schmerz… die Brutalität… die Wut… der Zorn… das alles ist real. 

Und deswegen muss man die Menschen lieben. Es geht eigentlich nicht anders. Genauso wie mich das Groteske dessen, dass Menschen zu Karikaturen werden oder gemacht werden, abstoßt, genauso liebe ich Menschen im Grunde und denke, dass man etwas dafür tun sollte, dass sie aufhören so klein zu sein. Dass sie nicht mehr platzen, wie Luftballons… dass sie lernen Teil des Denkens zu sein, das wahrhaftig ist und im Grunde die Menschen verbindet und ihr Leben nicht mehr so nichtig erscheinen lässt.

Denn im Denken, nicht im Leben, (so scheint es mir zumindest) ist der wahre Platz des Polyphonen, der Schauplatz, in dem die Ideen aufeinander zu treffen haben. Es gab mal diese Metapher, dass Kriege eigentlich Kriege zwischen Ideen seien. Ich glaube, die Idee gab es bei Hegel – und dann wurde sie von den Nazis als Krieg der Weltanschauungen übernommen. Die Idee ist aber im Kern genauso blöd, und zwar schon bei Hegel, wie irgendwie absurderweise der Realität entsprechend, auch wenn wir es jetzt weniger mit Kriegen zwischen Staaten geht als eher zwischen Strömungen, Subkulturen, politischen Gruppierungen, Religionen, oder auch einfach nur Einzelnen in der Wissenschaft, in der Literatur oder sonstwo.  Ja… es scheint tatsächlich dieser Beobachtung zu entsprechen, dass Menschen, ja ganze überindividuelle Gebilde, nichts sind als Karikaturen. Der wahre Ort für diese Kriege ist in den Köpfen der Einzelnen. Die vielen denkbaren und möglichen Stimmen gehören auf die Bühne des Denkens, da müssen sie in der Form aufeinander treffen, die ihrem Wesen entspricht: als Widersprüche. Und da, im Denken, da müssen wir uns nicht mal bemühen, politisch korrekt oder tolerant zu sein, denn Widersprüche kann man nicht tolerieren. Aber eben im Denken, nicht in der Realität.

Wenn die Menschen lernen aufzuhören, für etwas zu stehen, beliebige Karikaturen zu sein, und anfangen, statt ihr Ich in irgendeinem mysteriösen Akt der Existenzialisten zu setzen oder sich von ihrer Geschichte, von Diskursen, in die mehr oder weniger zufällig hineinwachsen, bestimmen zu lassen, statt all dessen also, wenn sie anfangen, einfach die Möglichkeiten zu denken, ohne dass dabei dem konkreten Sein und Entscheidungen die größte Rolle zukommt. Dann gibt es Hoffnung.

Zum einen gibt es die Hoffnung, dass Menschen, die lernen die vielen Stimmen in sich zu Ende zu begleiten in ihren denkwürdigen Monologen, auch anderen helfen können. Und dass wir Diskurse haben werden, seien sie politischer oder kultureller Natur, in denen echter Fortschritt möglich ist. In denen Gedanken nicht als Fakten nebeneinander stehen sondern als Gedanken in Ruhe aufeinanderprallen können, denn genau das ist ihre Bestimmung.

Aber mir scheint: bis dahin ist noch eine lange Zeit. Vielleicht ist ja eines der “Ziele” der Geschichte, dass der Mensch irgendwann in der Lage sein wird, sich selber zu denken. Was er dann damit anfängt, das vermag ich nicht zu sagen. Aber bis dahin ist ja noch ein langer Weg. Und dass der Mensch sich denkt, das heißt nicht: erkenne dich selbst. Es heißt auch nicht, wie Hegels Philosoph, über die Geschichte des Denkens zu sinnieren und sich daran zu ergötzen, dass er ja der größte Sei, da er ja alles versteht. Nein. Sich selbst Denken heißt in der Tat, sein Denken von den Widersprüchen all dessen, was denkbar ist, vielleicht nicht ganz zu befreien, aber doch zumindest in einem ehrlichen und wahrhaftigen Versuch sich dies zur Aufgabe zu machen. Und ja: diese Aufgabe zu haben ist einfach genau das gleiche, wie sich zu denken.   

Die wirklich wichtigen Ziele

17 Feb

1. Das Überleben deren, für die, das was ich mache, einen Sinn ergibt, ist das höchste Ziel, das sich rational begründen lässt.
1.1. Die Familie ist der unmittelbare Horizont der Handlungslegitimation.
1.1.1. Das Überleben der Familie ist daher für viele Menschen das höchste, was sie persönlich angeht.
1.2. Kulturen, Subkulturen, Nationen sind natürliche Horizonte der Handlungslegitimation.
1.2.1 Menschen, die als entscheidenden Teil ihres Lebensinhalt den Beitrag, oder auch nur die Teilhabe an einer höheren geistigen Entität ist, muss natürlich das Überleben dieser Entität von entscheidender Wichtigkeit sein.
1.2.2. Besonders bemerkenswert ist dabei die Sprache, die viele Werke, Produktionen, Errungenschaften erst überhaupt zugänglich macht.
1.2.2.1. Die Sorge, dass die Nation, die Sprache ausstirbt ist daher sehr natürlich.
1.2.2.2. Das zeigt sich auch in der Vielzahl von Sprachpflegern, im immer aufblühenden Nationalismus etc.
1.3. Letztendlich ist aber das Überleben der Menschheit überhaupt das höchste Ziel.
1.3.1. Sich auf das Überleben kleinerer Gebilde zu konzentrieren, setzt voraus, dass dieses oberste Ziel nicht gefährdet ist, oder aber zumindest als nicht gefährdet wahrgenommen wird.

2. Wenn es um politische Entscheidungen grundsätzlicher Natur geht, dann muss immer klar sein, dass wissenschaftlicher und technischer Fortschritt das höchste Prinzip sein muss.
2.1. Es gilt als bewiesen, dass in einer absehbarer Zeit unser Planet von der Sonne geröstet wird. Es wird nicht möglich sein, darauf zu überleben.
2.2. Die Menschheit wird daher mit mathematischer Gewissheit vernichtet, wenn wir in einer bestimmten (zwar langen aber dennoch nicht unendlicher) Zeit, keine Möglichkeiten finden, entweder den Planeten zu verlassen oder diesen zu schützen.
2.3. Es gibt auch sonst keinerlei Garantie (trotz Umweltschutz) dass unser Planet in 100 Jahren noch ein Lebensfreundliches Klima hat.
2.3.1. Wir kennen die geringen Wahrscheinlichkeiten von kosmischen Kollisionen, von Vulkanen etc.
2.3.2. Wir kennen die geringen Wahrscheinlichkeiten von Atomkriegen, von alles zerstörenden Pandemien etc.
2.3.3. Diese können allesamt theoretisch durch technologischen Fortschritt bekämpft werden.
2.4. Die politischen Entscheidungen müssen daher mit Eile und mit Nachdruck den technologischen und wissenschaftlichen Fortschritt dienen.
2.4.1. Globalisierung und globale Informationstechnologie dienen mit Sicherheit dem Fortschritt.
2.4.2. Die Förderung von Wissenschaft auch unabhängig von der wirtschaftlichen Interessen ist ebenfalls wichtig.

3. Technologischer Fortschritt erfordert aber gleichzeitig auch, dass die Gesellschaft dieser gewachsen ist.
3.1. Eine Vernachlässigung von wissenschaftlicher Forschung im Bereich der Philosophie, Kultur- und Sozialwissenschaften kann dazu führen, dass die Menschheit mit der wachsenden Verantwortung, die ihr von der technologischen Überlegenheit gegeben wird, nicht umgehen kann.
3.2. Insbesondere ist wichtig, dass Werte entwickelt und in der Gesellschaft tief verankert werden, die dafür sorgen, dass individuelle und Gruppeninteressen nicht dazu führen, dass die Menschheit oder die Umwelt gefährdet werden.
3.3. Potentielle Konflikte müssen frühzeitig erkannt und gelöst werden, bevor irrationale Wallungen von Emotionen aufkommen und unberechenbare Folgen haben.

4. Kurzsichtige politische Entscheidungen müssen bekämpft werden.
4.1. Entscheidungen, die wirtschaftlichen Wachstum stärken, der nur auf Kosten von Ressourcen geht, aber nicht gleichzeitig Fortschritt begünstigt (Puren Konsum, wenig qualifizierte Arbeitsplätze etc. ) sind eindeutig hinderlich.
4.2. Entscheidungen, die technologischen Fortschritt explizit behindert, etwa durch die Instrumentalisierung der Wissenschaft für wirtschaftliche Zwecke sind geradezu kriminell.
4.3. Entscheidungen, die die soziale Bildungskomponente nicht berücksichtigen, die Bevölkerungsschichten den Zugang zur Bildung erschweren und die die Notwendigkeit der Forschung im sozial-philosophischen Bereich nicht unterstützen, müssen ebenfalls bekämpft werden.

5. Umweltschutz ist ein Ziel, das kurz- und mittelfristig überlebenswichtig ist, langfristig aber zu einer Geschmacksentscheidung werden sollte. Die Menschheit muss in die Lage versetzt werden, frei entscheiden zu können, ob die Umwelt, wie wir sie kennen, schützenswert ist oder nicht: sie muss nicht mehr lebensnotwendig sein.

Plädoyer für die Abschaffung von Parteien

11 Feb

1. Ein politisches System muss legitim und handlungsfähig sein.
1.1. Handlunsgfähigkeit erlangt man durch die Beteiligung weniger in Entscheidungsprozesse. Maximale Handlungsfähigkeit erreicht man in einer absoluten Diktatur.
1.2. Legitimität erlangt man durch die Beteiligung vieler in einem Entscheidungsprozess. Maximale Legitimität erreicht man in einer Basisdemokratie.
1.3. Diese beiden Prinzipien widersprechen einander. Dies ist das Grundproblem politischen Denkens.

2. Repräsentation ist ein guter Kompromiss zwischen Handlungsfähigkeit und Legitimität.
2.1. Einzelne werden indirekt in die Entscheidungsprozesse durch ihren jeweiligen Repräsentanten einbezogen.
2.2. Durch die relativ geringe Anzahl der Repräsentanten erlangt man eine naturgemäß höhere Handlungsfähigkeit.

3. Repräsentation, wie es in der Praxis ausgelebt wird, bleibt stark hinter den prinzipiell angelegten Möglichkeiten zurück.
3.1 Das erste Problem aktueller pluralistischen Demokratien ist, dass die Repräsentation viel weniger legitim ist als es möglich wäre.
3.1.1. Wenn eine Person entscheidet, sich durch eine andere repräsentieren zu lassen, dann muss diese Repräsentation der Anlage nach so gut wie möglich sein, d.h. die Werte und Ideale der Person müssen von dem entsprechenden Repräsentanten so gut wie möglich gespiegelt werden.
3.1.1.1. Die Werte und Ideale von Personen sind von Person zu Person unterschiedlich. Es gibt nicht den klassischen Linken, den klassischen Rechten, nicht den klassischen Grünen etc. Jede Person hat seine gedanklichen Eigenheiten.
3.1.1.2. Eine gute Repräsentation maximiert ideologische Ähnlichkeiten zwischen dem Repräsentanten und den Repräsentierten.
3.1.2. Dies ist nur dann möglich, wenn zur Wahl eine maximale Vielzahl von hinreichend unterschiedlichen Individuen stehen, damit möglichst jeder jemanden findet, der so ähnlich denkt wie er selbst.
3.1.2.1. Hierbei spielen eindeutig sowohl lokale, regionale Interessen eine Rolle wie auch rein ideologische Überlegungen.
3.1.3. Da die Ideen und Werte von Personen, dem Potential nach, in einem ständigen Wandel sind, muss zudem eine ständige Kommunikation zwischen Repräsentanten und Repräsentierten möglich sein, damit die Legitimität der Repräsentation nicht nachlässt.
3.1.3.1 Es ist dabei unerheblich, ob der Einfluss von oben nach unten oder von unten nach oben erfolgt. Was zählt ist letztendlich nur der maximale Ausgleich zwischen dem Repräsentierten und dem Repräsentanten.
3.1.4. In einem Parteinsystem mit Fraktionsorganisation ist sowohl 3.1.2. als auch 3.1.3 minimiert.
3.1.4.1. Es gibt notwendigerweise viel weniger Parteien als Personen. Und in ein Parlament kommen realistischerweise betrachtet nur ganz wenige Parteien. Wer also faktisch repräsentiert werden möchte muss eine Auswahl zwischen 3-6 Parteien treffen. Dies führt zu minimaler Repräsentation.
3.1.4.1.1. Es ist zwar wahr, dass innerhalb von Parteien im Idealfall auch Diskussionen stattfinden, diese sind jedoch entscheidendermaßen parteiintern und der Repräsentierte hat darauf wenig Einfluss.
3.1.4.1.2. Zudem werden viele Positionen in einem Parteiensystem unbesetzt bleiben, auch wenn die Parteien sich stets danach richten Massenströmungen aufzufangen (was ja aus Sicht der Machterhaltung auch sinnvoll ist).
3.1.4.2. Der Fraktionszwang innerhalb der Partei wirkt als Bremse in dem Wandelprozess, der aber nötig wäre, um mit den Repräsentierten mitzuhalten.
3.1.4.2.1.Es ist immer schwieriger einen Block zu verändern als einen einzelnen.
3.2 Das zweite Problem aktueller pluralistischen Demokratien ist, dass die Handlungsfähigkeit viel weniger ausgeprägt ist als es möglich wäre.
3.2.1. Ein Parlament ist notwendigerweise groß, umfasst also mehrere Hundert Indidividuen.
3.2.2. Diese können miteinander in einem offenen Dialog nur sehr schwer und sehr langwierig Einigkeit erzielen.
3.2.3. Da diese Individuen in Fraktionen organisiert sind, ist die Findung von Einigkeit umso schwerer, da der Dialog nicht darauf abzielt, jeweils ergebnisoffen zu diskutieren, sondernd darauf, die eigene Position unter dem Beifall der Fraktionsmitglieder zum Besten zu geben.
3.3. Die Einführung von einfachen Mehrheitsbeschlüssen und von Regierungen für die Ausführung von Tagesgeschäften maximiert zwar die Handlungsfähigkeit, führt aber in einer dramatischen Weise zu Legitimationsverlust.
3.3.1. Wenn nur die eine Fraktion oder eine regierende Koalition aus 2-3 Fraktionen entscheidet, dann sind bei der Entscheidungsfindung die übrigen Individuen praktisch gar nicht mehr repräsentiert.
3.3.2. Ein derartiger Legitimationsverlust führt oft in der Praxis dazu, dass nach den Wahlen die neue Regierung gegen die politischen Beschlüsse der Vorgängerregierung vorgeht.
3.3.2.1. Dies ist wiederum gegen die vorige Mehrheit nicht hinreichend legitimiert
3.3.2.2. Zudem führt das oft gerade bei Prozeduren, die eine über den Wahlzyklus hinausgehende Planung erfordern, zu kontraproduktiven Ergebnissen (und zwar verglichen mit maximal handlungsfähigen Staaten, die eine Linie konsequent durchziehen können über Jahre).
3.3.2.3. Dies führt zudem dazu, dass Wahlen sehr oft an einzelnen Punkten entschieden werden, die die Wähler für die wichtigsten halten. Dabei gehen viele andere Entscheidungen ohne jegliche Legitimation durch.

4. Das Maximum an Legitimation ist jedoch in einer modernen Kommunikations- und Informationsgesellschaft leicht zu leisten.
4.1. Das erste Erfordernis ist eine pyramidale Organisation von Repräsentation.
4.1.1 Man nehme eine realistische Zahl n, z.B. n=25, als Repräsentationsfaktor.
4.1.2. Beliebige 25 Personen können einen Repräsentanten 1. Ranges wählen.
4.1.3. Beliebige 25 Repräsentanten 1. Ranges wählen einen Repräsentanten 2. Ranges.
4.1.4. Beliebige 25 Repräsentanten 2. Ranges wählen einen Repräsentanten 3. Ranges.
4.1.5. Beliebige 25 Repräsentanten 3. Ranges wählen einen Repräsentanten 4. Ranges.
4.1.5.1. Bei den Repräsentanten 4. Ranges wäre für die meisten Staaten in etwa die Größenordnung eines Parlamentes erreicht.
4.1.6. Beliebige 25 Repräsentanten 4. Ranges wählen ein Regierungsmitglied.
4.1.7. Die Regierung könnte die Tagesgeschäfte führen und bei wichtigen Fragen, etwa den Erlass von Gesetzen das Parlament (4. Rang) konsultieren.
4.2. Das zweite Erfordernis ist die stetige Dynamik von Repräsentation.
4.2.1. Jede Person darf in einem praktisch reglementierten Abstand seinen Repräsentanten kontaktieren. (z.B. jeden Monat)
4.2.2. Jede Person darf in einem praktisch reglementierten Abstand seinen Repräsentanten neu bestimmen. (z.B. jedes Jahr)
4.2.2.1. Die praktische Schwierigkeit, die hierbei entsteht ist in einer Informationsgesellschaft leicht zu minimieren.
4.2.2.2. Eine Möglichkeit ist, dass man zwischen faktischer Repräsentation und Repräsentationswunsch unterscheidet.
4.2.2.3.1 Jede Person wird zu jedem beliebigen Zeitpunkt von einer andere repräsentiert.
4.2.2.3.2 Falls sie beschließt, den Repräsentanten zu wechseln, gibt sie einen Repräsentationswunsch als Stimme an einen Kandidaten ab.
4.2.2.3.3 Sobald ein Kandidat die erforderlichen 25 Stimmen des entsprechenden Ranges erhält, sind die entsprechenden Wunschstimmen faktisch und die jeweils anderen Repräsentanten verlieren ihren Rang, außer es rutschen andere Wunschstimmen nach.
4.2.2.3.4. Ein guter Politiker wäre also z.B. einer mit 25 faktischen Stimmen und einem Polster von 20 Wunschstimmen hinter sich.
4.2.2.3.5 Es müssen Reorganisationszeiten eingeplant sein:
4.2.2.3.5.1. Wennn Z.B. ein Repräsentant 1. Ranges seine 25 Stimmen verliert, muss es vielleicht einen Monat geben, bis die entsprechenden 25 Menschen, die er davor repräsentiert hat, sich neue Repräsentanten finden.
4.2.2.3.5.2. Für einen Repräsentanten 2. Ranges wäre die Zeit dann eher 2 Monate und so weiter.
4.2.2.3.5.3. Damit wäre erreicht das momentane Stimmungsschwankungen auf irgendeiner Ebene nicht unmittelbar zu Umbrüchen führen – in einigen Monaten, bis Änderungen in den 4. Rang oder gar in der Regierung ankommen, können momentane Stimmungsschwankungen längst abgeklungen sein.

5. Die Handlungsfähigkeit ist in diesem System ebenfalls maximiert ohne dass es auf Kosten der Legitimation geht.
5.1. Die Handlungsfähigkeit wird dadurch gegeben, dass nur Repräsentanten des 4 Ranges und Regierungsmitglieder überhaupt jemals faktisch in eine Entscheidungsfindung einbezogen sind.
5.2. Auf diesen beiden Ebenen kann ein einfaches Mehrheitsentscheidungsprinzip eingeführt werden.
5.2.1 Zwar führt die Mehrheitsentscheidung nach wie vor zu einem Verlust an Legitimation, aber diese wird dadurch minimiert, dass die beteiligten Personen jeweils Individuen und nicht Fraktionsmitglieder sind.
5.2.2. Individuen können von vernünftigen Argumenten überzeugt werden (die sie dann der Pyramide nach ihrer Basis weitergeben können).
5.2.3. Zwar muss jedes Mitglied der Regierung und des Parlaments befürchten, dass er seinen Sitz verliert, falls er seine Basis nicht korrekt repräsentiert, aber der Kontakt zur Basis ist potentiell dialogisch durch die relativ geringe Zahl des Repräsentationsfaktors, was wiederum die Möglichkeit der Kommunikation und der Überzeugung eröffnet.

6. Das oben Gesagte zeigt, dass in dem aktuellen Zeitalter Parteien nicht mehr nötig sind, mehr noch, sie sind als anachronistische Gewächse im politischen Betrieb eher hinderlich.
6.1. Parteien sind nicht für das Funktionieren eines repräsentativen demokratischen politischen Systems nötig. Die Existenz von Parteien, den Zusammenschluss von Menschen, die gemeinsame Interessen verfolgen, kann und sollte man nie verbieten.
6.2. Entscheidend ist bloß, dass Parteien nicht dazu führen können sollen, dass dadurch Handlungsfähigkeit und Legitimität politischer Gebilde beeinträchtigt wird.